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11. Aug. 2010 – Die Liebe, die Parade und das Netz

Eigentlich hätte es ein gepflegtes Sommerloch werden können: heiß genug war es und Ferien sind in weiten Teilen der Nation immer noch. Statt dessen verzeichnen Mediencontroller wie IVW ganz neutrale 2,5% Aufrufplus bei Bild.de – tja, die zählen eben bei AtaSe nicht: wir haben 22% Zuwachs – statt des aus 20 Jahren Netzerfahrung erwarteten 50%igen Rückganges. Hatten wir uns doch erfolgreich nach oben gelensert und “Das Ende der Geduld” vorgestellt; ein Gleichbleiben der Besucherzahlen war garantiert. Dann kam der 24. Juli und nach einer fulminanten Eventankündigung das desaströse Ende der Loveparade 2010 in Duisburg. Ausschlaggebend für eine ausschweifendere Berichterstattung auf unseren Seiten war nicht das Ereignis selbst, sondern die Pressekonferenz am Sonntag danach: Es wurde spontan das Vier-Personen-Stück gegeben “Nach der Katastrophe ist vor dem Desaster.” Live war es einmal klassisch um den medialen Globus gegangen: Duisburg ist nicht nur chronisch pleite, sondern verantwortungslos und jetzt auch noch verwaltungstechnisch kopflos. Das Chaos war perfekt und der Aufschrei im Web 2.0 erinnert streckenweise an 9/11. Twitter, Facebook, Blogosphäre und Newscommunities lieferten aus dem Stand Suchlisten, Fotos, Videos und Augenzeugenberichte, die die Pressekonferenz zur absoluten Schmierenkomödie degradierten. Und selbst Verleger, die sonst gerne um ihren Content bangen, hatten in diesen Tagen Kommentar- und Pingfunktionen offen. Nur so war es möglich, binnen Stunden die Pointe des Duisburger Sonntagsquartetts erfolgreich zu kippen. Das ist sie, die Stunde des Boulevards. Schnell merkt man, wer warum wo mauert oder bohrt. Und auch nur so ist es zu verstehen, warum der Spiegel weniger profitiert als die Bild. Am meisten profitiert haben jedoch die Provider: Denn das Netz ist rund um die Uhr zwei Wochen lang gut überlastet worden. Zum Nachteil aller Hinterbliebenen und Beteiligten macht es die Wahrheitsfindung nicht schneller: Es wird Monate, ja vielleicht sogar Jahre dauern, bis alle Materialien ausgewertet sind und ein Gericht das Urteil spricht, um der Öffentlichkeit den Verantwortlichen zu liefern. Leider lehrt uns die Vergangenheit: die Menschen vergessen zu schnell. Zur Zeit ist es so, dass OB Adolf Sauerland den Zorn und die gesammelte Negativpresse auf sich zieht und somit sich viele andere dahinter verstecken – können.

Mein besonderer Dank geht an alle aktiven Facebook-Mitglieder. Sophie, Ina, Antje, Daniel, Marcel, Sarah,… und die vielen anderen, die sich aus einer nach nur drei Tagen 12.000 Menschen starken Community besonders hervorgetan haben.
Ihnen ist es zu verdanken, dass
- Betroffene sich austauschen konnten,
- Netzweite Suchaktionen und Recherchen unterstützt wurden,
- bezüglich der Opferlisten keine/r untergeht,
- der Gegentrauerumzug und die Ballonaktion am 31.7.2010 stattgefunden hat,
- ein unsäglicher Artikel vom Netz genommen wurde.

Wie heißt es so schön auf Facebook? 35.038 Personen gefällt das. Haken: Gefallen hat es ihnen nicht. Erfahrungen, auf die Mensch herzlich gerne verzichtet, aber die Gemeinschaft tut gut.

Simone Semmel

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Kommentare
  • theresa
    Kommentar #486 vom 18. August 2010 at 04:36

    Klar, verantwortung übernehmen, ist nicht, aber blogs mit einstweiliger verfügung segnen, weil sie die gutachten zum download bereitstellten.

    Wer die wandernden quellen verfolgen möchte, gerne, hier:
    https://twitter.com/loveparadeleak/status/21430936101

    vorabinfo:
    es ist das papier nicht wert, auf dem es verbreitet wurde…, aber als totschlagargument nicht von der hand zu weisen.

    Thea

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    • Auch diese Diskussion erinnert daran: Wo Millionen von Menschen ihre Gedanken publizieren, kommt es unweigerlich zu Gerüchten, die sich blitzartig im Netz verbreiten. Ein Effekt, der absolut irreversibel in der Entwicklung ist.

      Das Sinnvollste, was wir nun tun könnten: die Stärken der Bürgerjournaillie zu nutzen und Mechanismen zu finden, um die augenscheinlich existierenden Schwächen zu begrenzen. Gerade an der Stelle kommt der professionelle Journalismus ins Spiel, dessen Aufgabe es sein muss, die im Social Web verbreiteten Informationen, Gerüchte und Hinweise investigativ zu verifizieren und zu filtern. Wie wäre es mit einem eigenen Ressort, das aktuelle Hinweise und Gerüchte aus dem Netz aufgreift, transparent und mit Hilfe technischer Raffinessen darstellt und gleichzeitig bei der sorgfältigen Auflösung/Verifikation mithilft? Bei der Loveparade-Katastrophe hätte ein solch zentraler Ort der Aggregation sehr viel schneller bestimmte Zusammenhänge erklärt und Hintergrundinformationen geliefert als es im Rahmen der klassischen Berichterstattung der Fall war.

      Die eine Frage bleibt: Wer zahlt Recherche und Aufbereitung?

      LG

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  • Manchmal muss man einfach Engel haben. Mein Engel auf FB heißt zu Zeit INA … Dank ihrer Hilfe konnte heute wieder ein Name aus der Opferliste der Loveparade endgültig geklärt werden.

    Thx

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