Lola in Bronze für DIE FREMDE
Sechsmal nominiert. Zweimal abkassiert: Beim 60. Deutschen Filmpreis im Berliner Friedrichstadtpalast wurde das berührende Sozialdrama “Die Fremde” mit Bronze und die türkischstämmige Schauspielerin Sibel Kekilli für ihre Leistung als beste weibliche Hauptdarstellerin ausgezeichnet.

Humanität besteht darin, dass niemals ein Mensch einem Zweck geopfert wird.
(Albert Schweitzer)
Wozu dann Ehrenmord? Gibt es ihn überhaupt? Es ist wichtig, “Ehrenmorde auch als solche zu bezeichnen. Es sind Verbrechen im Namen der Familienehre. Wer das Muster versteht, kann sie besser identifizieren. Zum Beispiel: Wenn man weiß, dass Ehrenmorde oft im Clan geplant werden, kann die Polizei bei den Ermittlungen das Täterumfeld gezielt danach befragen. Oder: Muss ein Mädchen vor einem Ehrenmord geschützt werden, müssen die Sicherungsmaßnahmen viel umfangreicher sein als bei der Bedrohung durch einen Einzeltäter.“, betonen die Randome-House-Autoren auf der gleichnamigen Seite. Angesichts der dort immer länger werdenden Liste im Namen der Ehre ermordeter Mädchen und Frauen, ist diese Frage berechtigt: Wieso begegnet die deutsche Gesellschaft gegenüber Gewalt aus dem Migrantenmilieu mit weit verbreiteter Ignoranz?
“Man kann auch so lange differenzieren, bis es keine Täter und keine Schuldigen mehr gibt.“, sagt Gülsen Celebi , Rechtsanwältin, die für die Rechte türkischer Frauen und für strengere Kontrollen von Zuwanderern kämpft. Das klingt nicht nur zynisch, sondern es ist einfach höchste Zeit, dass die Debatte um Parallelgesellschaft und Integration, um Gleichberechtigung und Zwangsheirat, nicht zuletzt auch um strafrechtliche Konsequenzen, öffentlich geführt wird. Sie ist mit diesem Film zumindest schon mal im Kino angekommen. Den Hintergrund liefert die Geschichte von Hatun Sürücü, die von ihrem Bruder 2005 in Berlin erschossen wurde.
“Die Fremde (When We Leave) ”, Feo Aladags Regiedebüt, erzählt die Geschichte von Umay (Sibel Kekilli). Gleich zu Beginn des Films wird der Zuschauer Zeuge, wie sich die junge Frau in einem Vorort Istanbuls wieder von ihrem Mann schlagen und demütigen lassen muss. Doch jetzt hat sie genug: Umay kehrt kurzentschlossen mit ihrem kleinen Sohn Cem (Nizam Schiller) nach Berlin zurück, zu ihren Eltern und Geschwistern. Die freuen sich über den unangekündigten Besuch. Was sie nicht ahnen: Umay will bleiben. Je mehr sie auf ihre Eigenständigkeit pocht, um so verständnisloser reagiert die Familie.
Sensibel und vielschichtig nähert sich Aladag, die auch das Drehbuch schrieb, ihren Figuren. Ohne Klischees und vorurteilsfrei beleuchtet sie die Werte einer patriarchalischen Gesellschaft, die in der Fremde nicht mehr greifen. Aladag erliegt nicht der Versuchung, die Täter, also die Männer, zu dämonisieren. Sie sind ebenso wie ihre Frauen Gefangene dieser Tradition: rat- und hilflos. Der Film berührt nachhaltig und funktioniert gerade deshalb, weil er in der Welt junger Türken spielt, die wir als “integriert” bezeichnen. Das Drama passiert also tagtäglich da, wo wir es gar nicht vermuten, weil der Schein trügt, und wir selbst als die besten Freunde nicht wirklich wissen, was diese Mädchen und Frauen alles auf sich nehmen, um uns lächelnd ihre heile, überdurchschnittlich freundliche Welt überhaupt präsentieren zu können.
Mit Morsal Obeidi und Hatun Sürücü verlor
Deutschland einen Teil seiner Zukunft.(Ulf Poschardt, traurige lehren in Die Welt, 15. Februar 2009)
Almanya, Morsal Obeidi ve Hatun Sürücü’yle
geleceginin bir parçasını kaybetti.(Ulf Poschardt, üzücü Dersler, Die Welt gazetesi, 15 Şubat 2009)
Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit
Umays Geschichte steht für viele Mädchen und Frauen, die sich den Entscheidungen ihrer Familien nicht beugen wollen und damit nicht selten mit ihrem Leben bezahlen müssen. So bietet der auf Deutsch und Türkisch produzierte Film einen Ansatzpunkt, um die Bedeutungen des Begriffs Ehre kritisch zu hinterfragen und Themen wie Ehrverbrechen, Rechte der Frau und allgemein Werte zu diskutieren. Allerdings will die Regisseurin ihren Film nicht als Studie türkischer Einwanderer/innen verstanden wissen, sondern “als ein filmisches Drama, das eine ganz konkrete, spezifische Geschichte erzählt.” Es geht ihr laut Presseheft darum, “spürbar zu machen, wie nah die Menschen in dieser Geschichte doch einer möglichen Versöhnung kommen und wie schwer es ihnen am Ende fällt, über ihren eigenen Schatten zu springen.” Mit diesem Blickwinkel wird der Film allgemein lesbar: Wie kommt es zu scheinbar unüberwindbaren Konflikten? Und was können wir tun, um sie zu lösen?
Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) hat auf Vorschlag der zuständigen Kommission für DIE FREMDE (Verleih: MAJESTIC Filmverleih GmbH, Vertrieb: Twentieth Century Fox) Fördermittel zur Herstellung von zwei zusätzlichen Kopien zum Einsatz in Filmkunsttheatern bewilligt.
DOWNLOADS: =================================================
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siehe auch:
» Bloghystorie: 03. April 2010 – Trauer um Mirna gebannt
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Kommentar #415 vom 1. Mai 2010 at 01:04
Dass es der erste film ist, der sich mit „gendered violence“ im kino auseinandersetzt, können wir so nicht sagen. Es gab YOL und die krönung – darum auch veröffentlichung verhindert: THE STONING.
Dieser Film aus 2005/6 erzählt die geschichte der gebürtigen Texanerin Kathreen Mulligan, sie studiert in Hannover Islamische Wissenschaften. Dabei verliebt sie sich in den Iraner Hamid, heiratet ihn, folgt ihm in den Iran und konvertiert zum Islam. Als sie vergewaltigt wird und die daraus resultierende Schwangerschaft abbricht, wird sie erst wegen Abtreibung zu Auspeitschung und einem Jahr Einzelhaft sowie anschließend wegen Ehebruchs zum Tod durch Steinigung verurteilt. Während Kathreen im Knast hockt, laufen verschiedene Aktionen zu ihrer Befreiung letztlich alle vergeblich an.
Eindrucksvolle Darstellung für das “Warum” – Männer eine Religion pervertiert zur eigenen Machterhaltung zweckentfremden und das mittels einem mittelalterlichen Rechtsverständnisses, welches Opfer zu Tätern erklärt und Frauen als Menschen dritter Klasse behandelt. Kultur ist: jeden Widerstand im Keim ersticken.
Frauenbewegung, Demokratie und Selbstbestimmung und das höchste Gut unserer westlichen Welt. Wir sollten uns ab und zu dessen bewusst sein, dass es immer noch nicht für jede/n unter uns möglich ist, diese Werte zu leben.
Thea
* Auf YouTube ist er in Engl. Hier als deutschsprachige Version.
Kommentar #416 vom 2. Mai 2010 at 05:32
Hallo Thea,
ich finde, dein Vergleich, hinkt: YOL und auch The Stoning zeigen das Problem in deren Ländern. Hier aber geht es um das, was uns als Mitschüler, Nachbar, Kollege etc. betrifft. Die Qualität der Problematik ist schon anders gelagert. Denn Morsal, Hatun… bis hin zu Mirna, das sind Mädels, denen seitens der Politik die vollwertige Teilnahme an unserer Gesellschaft unterstellt wird. Realiter: Keine Gruppenarbeit außerhalb der Schulzeit, keine gemeinsame Klassenfahrt, etc.pp. Da liegt das Thema der Migration – und deswegen die Aussage, dass es der erste Spielfilm ist, der das Feld öffentlich macht. Aber für Leseratten: Bücher gibt es darüber in Hülle und Fülle.
Alles Liebe
Simone Semmel
Kommentar #438 vom 22. Juli 2010 at 01:49
Zwischenzeitlich erreicht der Cultureclash eine neue Qualität, da es nicht nur Hochburgen wie Berlin Kreuzberg oder Wilhelmsburg betrifft:
Kampf im Klassenzimmer
Deutsche Schüler in der Minderheit
Film von Nicola Graef und Güner Balci
Manchmal werden sie verhöhnt, manchmal sogar geschlagen. Mit ihnen wird in der Klasse kaum geredet, sie ziehen sich zurück, sagen kaum noch ihre Meinung – kurz, sie sind nicht integriert in der Schule. Die Rede ist nicht von Migranten-Kindern an einer deutschen Schule, sondern von deutschen Schülern an einer Hauptschule in Essen.
„Sie werden nicht jeden Tag mit dem Messer bedroht, … aber die Kinder mit Migrationshintergrund haben hier eindeutig das Sagen”, so die Direktorin der Schule.
„Red nicht mit der, das ist bloß eine deutsche Schlampe”, so hören es auch die Lehrerinnen.
„Wenn Ramadan ist, ist Ausnahmezustand. Beim letzten Mal ging es soweit, dass sie uns ins Essen gespuckt haben”, berichtet die Hauswirtschaftslehrerin. “Man sagt immer, dass die Ausländer diskriminiert werden, aber hier läuft es andersrum. Ein libanesischer Arabisch-Lehrer schildert, dass die deutsche Lebensart von seinen Schülerinnen und Schülern ganz offen abgelehnt würde, diese Einstellung sei fast schick.
Die deutschen Kinder reagieren mit Aggression oder Überanpassung. Auf dem Schulhof verdrücken sie sich in die Ecken. Sebastian, ein stämmiger 16-Jähriger, fühlt sich gemobbt von den muslimischen Mitschülern, ist häufig in Prügeleien verwickelt.
Julia aber ist mit dem streng gläubigen Saleh aus Palästina befreundet. Die Schülerin bezeichnet sich inzwischen selbst als Muslima, d.h. für sie: keine Partys, kein Alkohol, kein Sex.
Die Lehrer versuchen, auf die Situation mit Klarheit und dem Bestehen auf deutschen Regeln und Gesetzen zu reagieren, aber auch mit muttersprachlichem Unterricht und Verständnis für die Libanesen.
Die Autorinnen Güner Balci und Nicola Graef zeigen das Verstehen und Nichtverstehen in einer Schulklasse, die inzwischen nicht nur für das Ruhrgebiet typisch geworden ist.
Redaktion: Wilfried Prill
Die WDR-Produktion lief am Do, 22.07.10 um 00:15 Uhr
Wiederholung am 16.09.2010 um 22.30 Uhr im WDR Fernsehen
Service
Das Manuskript ist als PDF-Datei per Mail erhältlich über: inland@wdr.de
oder per Post anzufordern:
WDR Fernsehen
PG Inland
50600 Köln
Kommentar #729 vom 6. April 2011 at 12:40
Hi there,
Thanks for sharing this link – but unfortunately it seems to be down? Does anybody here at http://www.atase.de have a mirror or another source?
Cheers,
William
Kommentar #730 vom 7. April 2011 at 21:53
Hi William,
which link should be down?
Some more film clips “Die Fremde” you’ll find on http://www.spielfilm.de/clips/7050-2/die-fremde-filmausschnitte-teil-2.html
Regards,
Simone